Kunstraum Nestroyhof

Daniel Wisser

Lesung aus dem Webroman UNDO

Am 12. September 2018 um 19.30 Uhr

 

 

Der Autor über UNDO

Nachdem ich im Jahr 2016 vom Steirischen Herbst eingeladen wurde, für den Blog randnotizen Beiträge zu schreiben, habe ich meine langjährige Skepsis, Texte nur für das Web zu schreiben, abgelegt. 2017 habe ich dann ein lange geplantes Monsterprojekt als Webroman auf meiner Homepage begonnen. Es heißt UNDO und geht von der Vorstellung aus, dass der Protagonist bestimmte Situationen aus der Vergangenheit immer wieder erlebt, bis er sein früheres Verhalten ändern kann. Auf diese Weise bleiben Personen in seinem Leben, die er verloren glaubte, mit denen er kommuniziert und denen er Geschichten erzählt.

UNDO ist eine Ansammlung von Chatprotokollen und kleinen Novellen. Die Struktur soll dafür sorgen, dass man bei jedem Teil zu lesen beginnen kann. Die Novellen werden oft im Erzählrahmen oder von anderen Personen weitergeführt oder unterbrochen. Vorbild dafür war Goethes – dem breiten Publikum eher unbekannt gebliebene – Novelle Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.

Nach der Fertigstellung des ersten Teils wurde ich von der literarischen Wochenendbeilage ALBUM der Zeitung Der Standard nach einem Vorabdruck des zweiten Teils gefragt. Da die Rahmenhandlung des Romans im 9. Wiener Gemeindebezirk spielt, erhielt ich 2017 das Stadtschreiber-Stipendium des Bezirks Alsergrund. Dafür habe ich Teil V. Wartezimmer verfasst und davon auch eine Bühnenversion geschrieben. 2018 habe ich in der Alten Schmiede in Wien bei einer Veranstaltung über Texte, die ohne Verlag entstehen, aus Wartezimmer gelesen. Im Juli 2018 war ich Resident bei SoArt am Millstättersee, einem idyllischen Rückzug, mit dem Marion und Erwin Soravia Künstler und Künstlerinnen fördern. In dieser Zeit entstand Teil VII. Hello World, ich liebe dich.

Vorbild für diese Struktur ist der Roman Ich liebe dich! von Paul Scheerbart, einem heute völlig vergessenen Autor. Man kennt den Roman am ehesten aufgrund des Umstands, dass er das wahrscheinlich erste reine Lautgedicht in deutscher Sprache Kikakoku Ekoralaps enthält, das lange vor den Dadaisten und vor Morgensterns Das große Lalula geschrieben wurde. Was mich an dem Roman, der ebenfalls an einer Bahnfahrt orientiert ist, zunächst verstört hat, ist der Titel. Es fällt schwer, den Satz „Ich liebe dich“ zu sagen, es fällt schwer ihn zu schreiben und auch in Songs hat er mehr oder weniger ausgedient. Warum Scheerbarts Roman Ich liebe dich! heißt, wird aber gleich zu Beginn motiviert: Ein Mann hört, wie der Satz von einer Frau einem Mann beim Einsteigen in einen Zug zugerufen wird.

Und dann ist es mir passiert: Auf einer Fahrt von Rothenthurn nach Klagenfurt mit der Schnellbahn S1 saßen mir schräg gegenüber drei Frauen im Großraumabteil und sprachen über eine gemeinsame Freundin, die offensichtlich vor ihrer Zeit an einer Krankheit verstorben war. Eine der Frauen sagte: „Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, haben wir uns verabschiedet. Danach hat sie sich noch einmal zu mir umgedreht und gesagt: Ich liebe dich.“

Bei der Lesung im Kunstraum Nestroyhof werden ich Auszüge aus Teil III. Christiane und dem im Entstehen begriffenen Teil VII. Hello World, ich liebe dich vorstellen.